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Das Rheingold

Vorabend des Bühnenfestspiels "Der Ring des Nibelungen" von Richard Wagner

In deutscher Sprache mit zusätzlichen Übertiteln

Premiere am 30. Januar 2015, Großes Haus


»Das Rheingold« – Wagners Auftakt des Zyklus – ist für Dessau die Vollendung des neuen Rings: Wie alles begann. Mag »Die Walküre« populär sein, »Das Rheingold« hat mit der äußerst vielfältigen und abwechslungsreichen Handlung sowie seinem – gemessen an den weiteren Teilen des Rings – leichteren musikalischen Ton das Zeug zur Oper für alle!


Die Rheintöchter hüten das Gold in der Tiefe des Stromes. Der Nibelung Alberich nähert sich ihnen in der Hoffnung auf ein erotisches Abenteuer. Die Rheintöchter sind sich sicher, ihn gefahrlos reizen zu können – im Wasser kann niemand sie erhaschen. Als aber Alberich hört, dass jemand, der der Liebe abschwört, das Gold rauben und unermessliche Macht erlangen könne, leistet er diesen Schwur, bringt das Rheingold an sich und schmiedet sich einen Ring, der »maßlose Macht« verleiht. Inzwischen haben die Riesen Fasolt und Fafner Wotans Götterburg erbaut. Sie verlangen ihren vereinbarten Lohn: Freia, die Göttin der Jugend, ohne deren Äpfel die Götter altern müssen. Wotan hofft auf die Hilfe des Feuergottes Loge. Dieser berichtet vom Raub des Rheingolds durch Alberich. Beide Götter steigen hinab in Alberichs Reich Nibelheim. Dort überlisten sie den Nibelung, nehmen ihm den Schatz ab und entwenden ihm auch den Ring. Alberich verflucht den Ring und alle seine künftigen Besitzer. Statt den Rheintöchtern das Gold zurückzugeben, nutzt es Wotan, um seine Schulden bei den Riesen zu bezahlen und damit Freia auszulösen. Der Fluch zeigt unmittelbar seine Wirkung: Fafner erschlägt seinen Bruder im Streit um den Ring. Unter den Klagegesängen der Rheintöchter betreten die Götter ihre Burg. Nur Loge ahnt, welchen Weg die Götter beschreiten: »Ihrem Ende eilen sie zu, die so stark im Bestehen sich wähnen.«


Aufführungsdauer: ca. 2 1/2 Stunden (ohne Pause) Bahnverbindungen nach Berlin nach den Vorstellungen


Die „Ring“-Vorstellungen 13.-17.5.2015 sind ausverkauft, Restkarten evtl. unter 0340 2511-333 erhältlich, für die Vorstellungen 23.-28.6.2015 gibt es noch einige wenige Ring-Tickets


Das Rheingold, Das Opernglas, März/2015

Von S. Barnstorf

Auch der »Ring« in Dessau ist nun vollendet. Begonnen im Jahr 2012 mit der »Götterdämmerung« und somit „rückwärts" inszeniert, ist er zu Beginn als „Bauhaus-Ring" tituliert worden. Aber ist er das wirklich? Die »Götterdämmerung« hatte dieses Bild geprägt mit der aus einem sich drehenden Würfel entstehenden Bauhaustreppe Oskar Schlemmers als Walkürenfelsen und Walhall, dem rekonstruierten schwarzen Quadrat auf weißem Grunde von Kasimir Malewitsch als permanentem Guckloch ins Drama, der Schauspielart der sogenannten Biomechanik des russischen Schauspielers und Regisseurs Wsewolod Meyerhold — das mochte in der Bauhausstadt Dessau als willkommener Aufhänger dienen.

In der Folge zeigte sich aber, dass Regisseur Andre Bücker vielmehr Film und Medien interessieren, und er sie in Bezug setzt zu den Elementen jener Überwinder der klassischen Kunst, also den Neutönern im musikalischen Sinne (Schlemmer hatte auch Bühnenbilder für Arnold Schönberg gestaltet). Ein auf der Spitze aufgestellter, blitzender Würfel ist das Rheingold, umhüllt von einer Filmrolle, die die Sicht auf den Schatz ermöglicht, als die Rheintöchter ihr Gold besingen, was an den Filmvorspann einer großen Film-Produktionsfirma erinnert.

Die Bauhaus-Elemente in diesem »Ring« dienen dazu — das zeigte sich verstärkt seit dem »Siegfried« im Frühjahr 2013 —, um die Rolle der Medien mit ihrer Herkunft und Geschichte zu beleuchten. Computerspiele im »Siegfried«, Filmzitate großer Leinwandepen in der »Walküre«. Es ist ein „Medien-»Ring«", und wie sich Medien zum Bauhaus verhalten, dafür findet Bücker gleich zu Beginn in der Projektion alter Gemälde auf den Ringhorizont der Bühne, der auch eine Filmrolle sein könnte, eine simple Erklärung: Es sind die Mittel der jeweiligen Epochen, mit denen sich Kunst Ausdruck verleiht. Seien es die ersten Zeichnungen, Hieroglyphen und Symbole der Menschen, Gemälde wie das des Medusenhaupts vor der Verwandlung Alberichs in den Riesenwurm, die Kriegs(kunst)bilder des toten Che Guevara oder der ersten Atombomben zum Fluch Alberichs: Das »Rheingold« entpuppt sich damit als Parforceritt durch die Kulturgeschichte, gleichsam die Klammer bildend für die vorangegangenen Teile.

Ihre Stärke bezieht die Inszenierung aus den Stellen, wo augenzwinkernd ernst (aber nie verballhornend) die Protagonisten interagieren, und wo der Filmfan Bücker Filmzitate und -figuren einbaut. Geschauspielert wird viel in Dessau, und daran hat vor allem Ulf Paulsen als Wotan einen großen Anteil: Mit ungeheurer Witzigkeit und Vielseitigkeit gelingt ihm eine grandiose Studie des Göttervaters, die er vielleicht etwas überengagiert begann, weshalb er dem furiosen Beginn am Ende etwas Tribut zollen musste. Rita Kapfhammer als Fricka zeigte nochmals nachdrücklich ihr Können mit einem sicher-strömenden, nuanciert-differenzierten Rollenporträt.

Die von Alberich – Stefan Adam sang geschmeidig und präzise – geknechteten Nibelungen sind Kinder, die für Comics Bilder in Massen produzieren müssen. Der Mime von Ivan Turšić lieferte dazu den passend flexibel geführten, klaren und kräftigen Tenor vor dem sich bereits weiterentwickelnden Hintergrund als Wunderrad (Phantaskop), welches im 19. Jahrhundert die ersten bewegten Bilder auf einer sich drehenden Scheibe produziert hatte. Das zur goldenen Filmrolle geschmiedete Rheingold lässt die scheinbare Walt-Disney-Märchen-Idylle beenden und der bewegte Film hält Einzug - Hollywoods Filmindustrie entpuppt sich als kapitalisierte Kunst für die Massen. Freia, die die Götter stets mit einer aufputschenden Drogentinktur versorgt (Angelina Ruzzafante mit etwas indifferenter Darbietung), wird mit diesen goldenen Filmrollen aufgewogen, und nur die Erda von Anja Schlosser mit ihrem jugendlich schneidenden, vehementen, aber auch balsamisch nuancierten Alt vermag den zunächst irrlichternden Göttervater zur Raison zu bringen.

Die Riesen lieferten mit Stephan Klemm als melancholisch-deutlich prononcierendem Fasolt und Dirk Aleschus als Fafner mit dunklem Bass die jeweils für ihre Partien adäquaten Rollenporträts, David Ameln als Froh mit dem Regiekonzept entsprechendem deutlich vorgetragenen, ironisierend-scharfen Tonfall in seiner charaktervoll-brüchigen Stimmgebung eine ungewohnte, aber sehr treffende Interpretation. Albrecht Kludszuweit gab den Loge mit nachdrücklich spielerischer, aber differenziert ausladender Stimme. „Immer ist Undank Loges Lohn" geriet ihm zu einer farbigen Schilderung mit schillerndem Tenor. Die Rheintöchter gaben mit der kurzfristig eingesprungenen Katharina Göres (Woglinde), Jagna Rotkiewicz (Wellgunde) und Anne Weinkauf (Floßhilde) ein gut harmonisierendes Trio ab.

Generalmusikdirektor Anthony Hermus lieferte mit seiner Anhaltischen Philharmonie Dessau eine ansprechende und vielseitige Interpretation mit teilweise gedehnten und variablen Tempi. Das Vorspiel gestaltete er schwelgerisch, ebenso den Einzug der Götter nach Walhall, und die Verwand-lungsmusiken entfalteten eine durchaus differenzierte Sogwirkung mit spannungs-vollen Crescendi.

Am Ende wurden sämtliche Beteiligten gefeiert. Mit stehenden Ovationen frenetisch bejubelt wurden jedoch die zum Saisonende scheidenden Herren Hermus und Bücker.

Bauhaus Adé, Opernwelt, März/2015

von Udo Badelt

„[…]es wird herausragend gesungen. Rita Kampfhammer gibt Fricka auch vokal mit dem Habitus einer schnell eingeschnappten Chefsekretärin – herrlich. Ulf Paulsen springt als Wotan umstandslos aus sonoren, majestätischen Tiefen in lichte (beinahe tenorale) Höhen – ein Gottvater mit Hippie-Aura, der offenbar ständig auf der Suche nach dem nächsten Joint ist. Stefan Adam (Alberich) würzt seine weinerlich ausgestoßenen Vokale mit viel Silber in der Stimme […] Wie Bücker, der sich im Kampf gegen die desaströsen Sparpläne des Landes Sachsen-Anhalt zu weit aus dem Fenster gelehnt hatte, verlässt auch Hermus Dessau zum Ende der Spielzeit. Die beiden bekommen viele Vorhänge, mindestens zehn Minuten lang. Das Dessauer Publikum weiß, was es an ihnen hat.“ www.opernwelt.de

Wagners "Ring" ist jetzt komplett, Magdeburger Volksstimme, 9.2.2015

Von Helmut Rohm

Es ist vollbracht! Der "Wagner-Ring" ist mit dem jetzt auf die Bühne gebrachten "Das Rheingold" komplett. Mit "Götterdämmerung" beginnend - Premiere war am 12. Mai 2012 - hat der nach der Spielzeit Dessau verlassende Generalintendant André Bücker, von der Reihenfolge der von Wagner geschaffenen Teile inspiriert, die einzelnen Opern chronologisch gegenläufig inszeniert.

Alle vier Teile tragen durchgängig eine ganz eigene, einheitliche Handschrift, die durch die Klassische Moderne und insbesondere von der Bauhaus-Ästhetik geprägt ist. Diese herausragende künstlerische Kontiunität basiert sicher auch auf dem durchgängig konstant besetzten Leitungsteam, mit dem Bücker seine Werkeinterpretation gemeinsam stringent umsetzen konnte: Jan Steigert für die Bühne, Suse Tobisch für die Kostüme, Frank Vetter und Michael Ott für die Projektionen.

Unerschütterliches Fundament ist aber auch in "Das Rheingold" die Anhaltische Philharmonie unter GMD Antony Hermus. Dem Orchester gelingt es bravourös, die monumentale Wagnersche Musik facettenreich und im Spannungsfeld von feinstem Tonklang - wie bei den legendären 136 Takten des Vorspiels - bis zu dramatisch laut tönenden, insbesondere vom Blech getragenen Ausbrüchen zu präsentieren.

Kämpfe um Macht, Reichtum und Liebe
Mit dem sich in die anderen drei Ringopern künstlerisch stimmig einfügenden "Rheingold" setzt das Anhaltische Theater die Tradition Dessaus als "Bayreuth des Nordens" auf nachhaltige Weise fort.

Die Farbe Weiß ist dominant in der Inszenierung. Bei den Kostümen sowie den als Projektionsflächen dienenden gebogenen und gegeneinander verschiebbaren Wandelementen. Weiß sind auch die die Figurenhandlungen nachvollziehenden überlebensgroßen Silhouetten. Von unsichtbarer Hand wird die Bühne mehr und mehr in Blau getaucht - und hinab in die Tiefen des Rheins. Dort, wo die Rheintöchter das als glitzernden Würfel geformte geheimnisträchtige Rheingold zu bewachen haben.

Die Kämpfe um Macht, Reichtum und Liebe nehmen ihren spannenden Lauf ... Werktreu und handlungsschlüssig bringt Bücker die Geschichte auf die Bühne. Da raubt Zwerg Alberich, auf Liebe verzichtend, das Rheingold, schmiedet später den machtverleihenden berühmten, doch dem Besitzer Unheil bringenden Ring. Mit einer Videofahrt durch Gerüstwirrungen optisch vermittelt, tauchen Göttervater Wotan und Halbgott Loge in die Unterwelt, bringen sich in Besitz des Goldes und des Ringes.

Erschütternde Aktualität gesellschaftlichen Elends
Die von Wotan im Auftrag gegebene Götterburg Walhalla ist gebaut. Bei der Entlohnung der Riesenbrüder Fasolt und Fafner kommt es zum Eklat, in den auch die Göttin der Jugend, Freia, hineingezogen wird. Erpressung, Gewalt, auch Verzauberung und schließlich auch Mord begleiten das fesselnde Geschehen.
Mit parallel eingespielten, fast nur flüchtigen Videosequenzen erinnert Bücker an die oft erschütternde Aktualität gesellschaftlichen Elends, unaufdringlich, aber emotional wirksam.

In dem ausgeglichen sehr gut agierenden Darsteller-Ensemble treten Stefan Adam (Alberich), Ulf Paulsen (Wotan) und Albrecht Kludszuweit spielerisch und insbesondere stimmlich besonders hervor.
Beim Einzug in Walhalla, dem "scheibchenweise" in sich verschiebbaren, großen, mit Kreiskonstruktionen verknüpften Kubus, der in allen vier Teilen zentrales Bühnenelement ist, soll ein strahlendes Regenbogenmotiv Götteroptimismus vermitteln. Obwohl die aus dem Erdinnern aufgetauchte Urmutter Erda bereits das Ende der Götter prophezeit hatte.

DESSAU: RHEINGOLD – “Bauhaus-Ring”, der neue merker online, 6.2.2015

Von Friedeon Rosén

In Dessau wurde jetzt der sog. “Bauhaus-Ring” mit dem Rheingold abgeschlossen. Dieser in Anlehnung an die Bauhaus-Stadt Dessau entstandene Ring wurde erstmals von hinten nach vorne inszeniert, d.h. mit ‘Götterdämmerung’ begonnen, dann hat sich das Regieteam über Siegfried und Walküre jetzt zu ‘Rheingold’, eigentlich das Vorspiel des Bühnenfestspiels, vorgearbeitet. Sinn dieses Vorgehens war die Bewußtmachung der gedanklichen, philosophischen und textlichen Entstehungsgeschichte, wie sie Wagner selber durchlaufen hat. Ob die für Mai/Juni geplanten zusammenhängend kompletten Ringe aber auch im ‘Krebsgang’ vollzogen werden, konnte der Rezensent im Moment noch nicht in Erfahrung bringen.

Die Hauptkriterien der Inszenierung von Noch-Intendant André Bücker wurden auch bei ‘Rheingold’ durchgehalten Ein Rundhorizont, auf dem im Entstehen begriffene Zeichnungen oder Gemälde abgefahren werden (Frank Vetter, Michael Ott), die auch bis an die Seiten vorgezogen werden; ein diesmal mittiger ‘Kothurn’ in Form eines auf Treppen erklimmbares Bauhaus-Teil, das sich später natürlich als die Riesen-Burg herausstellt (Bühne: Jan Steigert); dazu die einheitlich weiße Kostümierung von Suse Tobisch, die in vielgestaltigen Varianten, vom Arzt-Kittel des Alberich bis zu den langen Brautjungfernkleidern der Rheintöchter wieder phantastisch, z.T.”bauhausmäßig” ausfielen. Eine diesmalige Besonderheit war, dass die lebhaften Auseinandersetzungen durch weiße Schattenspiele auf dem Rundhorizont-Prospekt, aber nicht 1:1, verdoppelt wurden. Das unterstrich den lebhaft kommunikativen Gestus des als Kammerspiel bezeichneten Vorspiels. Bestens gelungen ist auch die Nibelungenszene mit in weiße Tuniken gesteckten Kindern, die anstatt Gold zu schürfen wie in einer Schulklasse kunstvoll Folien bearbeiteten und somit wie Sciptgirls bei einem Film zum Einsatz kamen. Später werden die goldenen Filmrollen von Alberich in einer Zwangsjacke heraufbefohlen.

Antony Hermus und die Anhaltische Philharmonie Dessau verstehen es über die gesamte Länge musikalische Spannung aufzubauen und zu halten. Ein ganz langsam sich einschwingendes Rheinmotiv schiebt die Handlung nach und nach an. Später erreichen auch die Blechbläser goldene Wucht. Die sehr fahle hingetupfte Begleitung bei der Alberich- Verfluchung spitzt sich äußerst dramatisch zu und geht wieder in eine fast plauderhafte kommunikative Stimmung über.

Ein stimmlich ausgewogenes Rheintöchterterzett stellen Katharina Göres, Jagna Rotkiewicz und Anne Weinkauf, die bei ihrer ‘Reprise’ als gealterte Frauen vor zur Rampe schreiten, um im Klagegesang die stolzen Götter zu konterkarieren. Wuchtige Riesen sind Stephan Klemm /Fasolt mit liedhaft timbrierten Momenten und Dirk Aleschus/Fafner mit markantem, der Situation angepasstem Bass. Den Mime singt Ivan Tursic als Klassenlehrer der Nibelungen sehr rollendeckend, während Stefan Adam/Alberich von Anfang an/Rheintöchter einen eher verträumten Looser verkörpert, der fast weinerlich wirkt und mit prächtigem, intelligent geführtem Bassbariton überzeugt. Bei den Göttinnen kommen Rita Kapfhammer/Fricka, Angelina Ruzzafante/Freya und Anja Schlosser/Erda zu prägnanten Kurzeinsätzen, während die Götter mit einem agilen, vielleicht bei den stimmlichen Übergängen nicht so souveränen Albrecht Kludszuweit/Loge, David Ameln/Froh und Javis Samadov/Donner präsent reüssieren.

Der Wotan des Ulf Paulsen hat einen in der Tiefe markant fundierten Bassbariton aufzubieten. Sein Spiel, schwarzäugig und mit Augenklappe, ist nachhaltig verschlagen. Auf ihn zentriert sich auch die Personenregie in Bezug auf seine ‘Satelliten’ Fricka, Loge und Erda. Seine Pose ist immer herrisch und eindrücklich, wobei er auch gesanglich in der Hochgestimmtheit seines Timbres (Ring-Inbesitznahme, Verliebtheit in Erda) über sich hinauswächst.

Nibelheim ist gar nichts gegen Sachsen-Anhalt, FAZ, 5.2.2015

Ungeliebt von der Politik: André Bücker vollendet mit „Das Rheingold" den Dessauer „Ring" und nimmt seinen Hut
Von Jan Brachmann

Digitalisierung ist die Zerstörung des Handwerks durch die Trennung von Hand und Werk. Einige Warner sehen darin ein Verhängnis. Sie glauben, dass wir uns mit dieser Trennung von Körperbewegung, Anschauung und deren Folgen das Gehirn wegklicken und die Empathie zu unserer Umwelt verlieren. Ist also die Digitalisierung der Fluch des Rheingolds in Richard Wagners Opern-Vierteiler „Der Ring des Nibelungen“?

Man könnte auf diese Idee kommen, wenn man sich mit André Bücker unterhält, dem Intendanten des Anhaltischen Theaters Dessau. Er hat gerade mit dem „Rheingold" seine erste „Ring"-Inszenierung vollendet, von hinten nach vorn, denn mit der „Götterdämmerung" fing er 2012 an. Es ist eine Art mediengeschichtlicher „Ring". Bücker erzählt: „Wir fangen bei der Höhlenmalerei an und enden bei der Festplatte. Auch das körperliche Spiel ändert sich, obwohl es in allen Teilen eine starke Stilisierung gibt. Aber von der freien, noch spontan wirkenden Körperlichkeit im „Rheingold“ geht es dann zu einer immer stärkeren Formalisierung in die „Götterdämmerung“ am Ende. Tatsächlich füllt am Anfang des „Rheingolds" eine tintenblaue Farbenkleckserei die schneeweiße Bühne von Jan Steigert. Doch auch sie spritzt schon digital vermittelt herum: durch Projektionen von Frank Vetter und Michael Ott. Wenn die Rheintöchter das Rheingold enthüllen, kreisen bunte Bilder durch die Luft: Aus der Höhle von Lascaux geht es bis zu Delacroix. Wenn die Sänger auch manchmal unnötigerweise in scharfes Sprechen verfallen, singen sie doch leicht und deutlich. Stefan Adam als Alberich macht das fast buffonesk, und Albrecht Kludszuweit als Loge singt Wagner mit der scharfzüngigen Coolness eines Brecht-Songs. Die weißen Belle-Epoque-Kostüme von Suse Tobisch und die flirtende Grazie der Bewegungen geben dem Ganzen den Charakter eines Pariser Konversationsstücks um 1880. Das ist hübsch, vor allem in Verbindung mit den feingezeichneten Linien des Orchesters.

Mehr als fünfzig Jahre hatte Dessau keinen kompletten „Ring" mehr. Im kommenden Mai werden, gleichzeitig mit einem internationalen Wagner-Kongress, noch einmal alle vier Teile zusammenhängend aufgeführt. „Der Ring des Nibelungen in der Bauhausstadt Dessau" heißt dieses Großprojekt, es steht unter der Schirmherrschaft des Ministerpräsidenten von Sachsen-Anhalt, Reiner Haseloff (CDU). Das hat eine fast humoristische Note. Allem Anschein nach ist es nämlich Haseloff zu verdanken, dass „Das Rheingold" Bückers letzte Operninszenierung in Dessau sein wird. Er verlässt das Haus ebenso wie Generalmusikdirektor Antony Hermus, der den „Ring", wie man es von diesem hochbegabten Musiker erwarten darf, wach, behutsam und entschieden dirigiert.

Die große Koalition aus CDU und SPD, die das Land Sachsen-Anhalt regiert, kündigte 2013 an, die Förderung für die Theater werde von 36 Millionen auf dreißig Millionen Euro abgesenkt. Knapp drei Millionen davon sollten dem Anhaltischen Theater Dessau entzogen werden. Der Kultusminister Stephan Dorgerloh (SPD) empfahl den Dessauern, künftig auf Schauspiel und Ballett zu verzichten und nur noch Opern anzuschauen, vielleicht noch Puppentheater. Jedoch viermal in Folge sprach sich der Stadtrat für den Erhalt des Vierspartenbetriebs aus. Im April 2014 wurde dann beschlossen, die fehlenden Landeszuschüsse aus kommunalen Mitteln auszugleichen. Es handelt sich um Mehraufwendungen von zehn Millionen Euro in den nächsten fünf Jahren. Bücker und seinen Leitungsmitarbeitern ist es in Einzelgesprächen gelungen, mit 97 Prozent der Beschäftigten eine Zustimmung zur Teilzeitbeschäftigung von neunzig Prozent zu erwirken. Fünfzig Stellen müssen bis 2018 kündigungsfrei abgebaut werden.

Es gebe große Solidarität im Haus, sagt Bücker, diese Pläne umzusetzen. Doch im Frühsommer 2014 fanden Kommunalwahlen in Dessau statt. Der bislang regierende Oberbürgermeister Klemens Koschig (parteilos) unterlag seinem Herausforderer Peter Kuras von der FDP. Dessen erste Amtshandlung war es, Bückers Intendantenstelle zum 1. August 2015 neu auszuschreiben. Das war formal möglich, weil Bückers Vertrag schon 2013 nicht verlängert worden war, mit Blick auf die ungesicherte Zukunft des Theaters, obwohl das Geschäftsjahr 2013 einen Überschuss von 205 000 Euro und einen moderaten Anstieg der Besucherzahlen erbracht hatte.
Bücker berichtet, der neue Oberbürgermeister habe ihm damals im persönlichen Gespräch erklärt, er sei dem Land „nicht vermittelbar". Auch schon auf Koschig hatte die Landesregierung wegen dieser Personalie offenbar mehrfach Druck ausgeübt, doch der aus der Bürgerbewegung der DDR hervorgegangene Politiker gab diesem Ansinnen nicht nach, anders als nun Kuras. Dabei hatte sich ausgerechnet dessen Parteifreundin, die FDP-Politikerin Cornelia Pieper, an die Spitze der Volksinitiative „Kulturland Sachsen-Anhalt" gestellt, die Unterschriften sammelte, um gegen die geplanten Kürzungen im Kulturhaushalt durch die Magdeburger Landesregierung zu protestieren.

Der Politikstil von Reiner Haseloff und Stephan Dorgerloh erregt inzwischen bundesweit Besorgnis. Birgitta Wolff, seit Januar 2015 neue Präsidentin der Goethe-Universität Frankfurt am Main, hat die Umstände ihrer Entlassung als Wirtschafts- und Wissenschaftsministerin in Sachsen-Anhalt 2013 inzwischen öffentlich gemacht: Haseloff sei dem zwanglosen Zwang des besseren Arguments nicht zugänglich gewesen und verfüge über keinerlei Streitkultur. Ähnliches berichtet auch Bücker: Nachdem das Theater ein Rederecht im Magdeburger Landtag erwirkt hatte, seien die dort vorgetragenen Gedanken von den Abgeordneten einfach nur verlacht worden: „Argumente, 45 000 Unterschriften, Schülerdemonstrationen — das perlt an denen ab wie an Beton! Das bleibt alles folgenlos!"
Erfahrungen wie diese führen dazu, dass die Bürger den Staat immer weniger als öffentliche Angelegenheit empfinden. Der Parteienparlamentarismus stellt sich als geschlossener Club dar, der an der Willensbildung nicht mehr mitwirkt, sondern durchregiert. Ein Empathieverlust der Politik für die Gesellschaft, die Trennung von Souverän und Exekutive bis zum Gefühl der völligen wechselseitigen Fremdheit — das darf sich nicht zum Verhängnis für die Demokratie auswachsen.

Bückers letzte Dessauer Inszenierung wird Johann Wolfgang von Goethes Schauspiel „Götz von Berlichingen" sein. Keine spontane Reaktion: Das war schon lange so geplant.

Von hinten durchs Ziel, neues deutschland, 4.2.2015

Anhaltisches Theater in Dessau: umjubelter Abschluss des Ring-Zyklus mit »Rheingold«

Von Roberto Becker

Dieser Dessauer Nibelungen Ring ist etwas ganz besonderes. Eine komplette Tetralogie auf einer Bühne, die von den echten Fans – und von den falschen Anhängern – gerne auch als Bayreuth des Nordens bezeichnet wird, nach über 50 Jahren herauszubringen, das ist an sich schon eine historische Tat. Die letzte zyklische Aufführung vermerken die Annalen für den Mai 1963. Der genius loci waltet immerhin noch.

Der regieführende Intendant André Bücker und sein Generalmusikdirektor Antony Hermus mussten für dieses Projekt in den letzten drei Jahren jeden Künstlermut vor Ministersesseln aufbieten, als besonders mutige Streiter für das Theater, die Kunst und Wagner immer ganz vorne mit marschieren, um sich dem besonders tumben Kürzungswahn bei den Landesmitteln für die lebendige Kultur (besonders für die Theater in Dessau und Halle) entgegenzustemmen. Man mag gar nicht über die Tragweite nachdenken, die Loges Worte (Ihrem Ende eilen sie zu, die so stark im Bestehenden sich wähnen) für das traditionsreiche Dessauer Theater inzwischen bekommen haben. Dass dieser Ring, so wie die Dinge liegen, der vielleicht letzte an diesem Ort ist, macht jedenfalls tief traurig.

Und das auch, weil die Aufführung alles in allem musikalisch und als Deutungsansatz so beispielhaft gelungen ist. Sicher gibt es da den einen oder anderen Einwand, aber insgesamt, ist diese Ring-Rechnung aufgegangen. Dies liegt vor allem an dem modernen diskursiven Ansatz, mit dem es dem Team gelungen ist, auch das ästhetische Erbe der Bauhausstadt zu integrieren und daraus Kapital zu schlagen. In seiner Stringenz wird sich das vor allem für jene Zuschauer erschließen, die sich einer der beiden zyklischen Aufführungen im Mai und im Juni in der richtigen Abfolge der Ringteile ansehen werden.

Diese Abfolge beginnt in »Rheingold« als Schattenriss, der die Abbildung der Wirklichkeit durch die Kunst, den Film, schließlich durch das Virtuelle und das damit verbundene Potenzial zur Manipulation verdeutlicht. Die Göttergestalten tauchen als Scherenschnitte auf den gebogenen Leinwänden im Profil auf. Sie sind die Vorboten jener bewegten Bilder, die dann die Nibelungen produzieren. Ganz so als wären sie die Zeichnersklaven in Walt Disneys Traumfabrik. Die güldenen Filmrollen sind hier der Schatz, mit dem sich erst Alberich freikauft, und dann Freia von den Riesen ausgelöst wird.

Das ist mit Blick auf die Folgen durchaus sinnvoll. Die mythischen Naturelemente, wie das Rheinwasser, der Feuerschein Loges oder der Regenbogen, der den Göttern am Ende den Weg nach Walhall weist, werden durch die gut dosierten Videoeinblendungen hinzugefügt. Wenn vom Welterbe die Rede ist, dann flimmert in schneller bunter Folge der ganze Katalog des Weltkulturerbes über die Projektionswände. Wenn Alberich den vielleicht gewaltigsten Fluch der Operngeschichte ausstößt, dann sehen wir einen Schnelldurchlauf des versammelten Grauens aus dem vorigen Jahrhundert.

Diesen weiterführenden geistigen Überbau hat Bücker, ganz dem Charakter des Vorabends der Tetralogie entsprechend, mit einer ironisch witzigen Personenregie unterlegt, die die großen Götter aufs menschliche Normalmaß reduziert. Auch sie setzen sich gerne vorteilhaft ins Bild, kochen aber doch nur ihr eigenes Süppchen. Das Rheingold, das Alberich (Stefan Adam) den Rheintöchtern stibitzt, gibt jenes geometrische Leitmotiv vor, dem wir als Walhall und dann als Walkürenfelsen wiederbegegnen werden.

Dieses »Rheingold« wird auch deshalb zum gelungenen Abschluss der Premierenabfolge des Dessauer Rings und zugleich zum sinnstiftenden Auftakt des Gesamtprojekts, weil es eine stringente Ästhetik besitzt und mit einer erstklassigen Ensembleleistung aufwartet. Mit einem Antony Hermus am Pult der famos wagnernden Anhaltischen Philharmonie und mit einem Ensemble, das Ulf Paulsen als Wotan und Rita Kapfhammer als Fricka höchst überzeugend anführen. Jubel in Dessau!!

„Rheingold“ im Bauhaus-Stil, Die Deutsche Bühne, 2.2.2014

Von Joachim Lange

Tun wir mal so, als wüssten wir nicht, wo die Reise mit diesem „Rheingold“ in Dessau hingeht. Vergessen wir mal all das, was wir in der „Götterdämmerung“ erlebt haben und über „Siegfried“ und die „Walküre“ schon wissen, und nehmen den Vorabend der Tetralogie wirklich als Exposition. Stellen wir uns also für einen Moment ungefähr so blind für’s Kommende, wie Loge am Ende beim Einzug der Götter in Walhall. Dann würden wir darauf wetten, dass aus dem geschichteten und in sich verschobenen Riesenwürfel, den Wotan und seine Sippe mehr wie einen Götterspielplatz erklettern, denn als prangende Burg wirklich in Besitz nehmen, wohl noch in anderen Versionen wiederkehren wird.

Diese klaren, betont geometrischen Formen, die ein Eigenleben entfalten, sich mit Bedeutung aufladen lassen und deutlich von der Bauhaus-Ästhetik inspiriert sind, bilden tatsächlich bühnenästhetisch ein Leitmotiv dieses Rings. Die Abstraktion der Formen und das Spiel damit verweisen allerdings deutlich auf den inhaltlichen Anspruch eines Rings der „klassischen Moderne“. Dabei geht es um die Bilder, die sich der menschliche Verstand, vor allem aber die Kunst, von der Wirklichkeit machen, um diese zu verstehen, zu manipulieren oder zu verändern.

Was im „Rheingold“ mit einem schlichten zweidimensionalen Abbild der menschlichen, respektive göttlichen Gestalten (auf den halbrunden Projektionswänden im Hintergrund) beginnt, erweitert sich hier zu einem Bilder-Reigen von nicht weniger als dem gesamten kulturellen Erbe der Welt. Alberich singt ja tatsächlich vom Welterbe. Und sein monströser Fluch, nach dem Ringraub durch Wotan, wird dann von einem wahren Bilder-Shitstorm des Schreckens begleitet, für den das vorige Jahrhundert die Vorlagen geliefert hat. Da für diesen Wotan in der scheinbaren Höhe und für seinen Erzfeind Alberich in der scheinbaren Tiefe die Macht die Deutungsmacht der (Ab-)Bilder ist, so liegt es auf der Hand, dass das Nibelungengold hier aus lauter Filmrollen besteht. André Bücker verbindet diesen quasi philosophischen Wegweiser auf das Gesamtprojekt mit einer leichtfüßigen Personenregie. Was durch die historisch stilisierten, ganz in Weiß gehaltenen Kostüme von Suse Tobisch seinen eigenen Witz erhält. Es macht über weite Strecken einfach Spaß, den eitlen Göttern zuzusehen.

Weil Ulf Paulsen ein komödiantisch stimmstarker Wotan, Rita Kapfhammer eine erstklassige Fricka, Angelina Ruzzafante eine wunderbare Freia und Anja Schlosser eine attraktive sissiähnliche Erde ist, ist es auch eine pure Freude, zuzuhören. Dass nicht nur der Götterclan, sondern auch Alberich (Stefan Adam) und Mime(Ivan Tursic) oder Fasolt (Stephan Klemm) und Fafner (Dirk Aleschus) und natürlich der wendige Loge (Albrecht Kludszuweit) und die Rheintöchter ihre stimmlichen Möglichkeiten voll einbringen können, haben sie auch dem GMD Antony Hermus zu verdanken. Der ist am Pult der Anhaltischen Philharmonie in Hochform, liefert den leichten Konversationston ebenso mühelos wie den großen Bogen, den dieser höchst gelungene Auftakt des Großprojektes braucht, um die Schubkraft fürs Ganze zu entfalten. Im Mai und im Juni wird man das bei zwei Aufführungs-Zyklen in der „richtigen“ Reihenfolge der einzelnen Teile noch einmal überprüfen können.

Das Rheingold, operapoint, 2.2.2015

Von Oliver Hohlbach

Kurzinhalt

Alberich wirbt um die drei Rheintöchter, die ihn aber nur verspotten. Daraufhin entsagt er der Liebe und stielt ihnen das Rheingold. Aus diesem Gold läßt er einen machtvollen Ring schmieden, mit dessen Kraft er sich die Nibelungen untertänig macht. Die Riesen Fafner und Fasolt haben für den Gott Wotan die Burg Walhall erbaut, und fordern nun von ihm als ihren Lohn die Göttin Freia. Doch Wotan will Freia nicht herausgeben, und der intrigante Gott Loge überzeugt ihn davon, als Ersatz Alberich den Ring und das Rheingold wieder zu entreißen. Alberich verflucht den Ring, den Wotan den Riesen reicht, um Freia zu lösen. Fafner erschlägt seinen Bruder, die Götter aber ziehen in die Burg Walhall ein.

Aufführung

Was ist das „Rheingold“? Eine zentrale Frage, die in Dessau an Bedeutung dadurch gewinnt, daß der Ring gemäß der Entstehungsgeschichte inszeniert wird, also von der Götterdämmerung rückwärts. Das Rheingold ist helles Licht aus einem Kubus, aufbewahrt in einer Wundertrommel, die durch Drehung der Seitenwand bewegte Bilder sichtbar macht. Aus dem Licht zeichnen die versklavten Nibelungen Cartoons, denn auf dem Medium Film oder Bild gründet sich die Macht, die alle erstreben. Verdeutlicht wird dies durch Projektionen (in der Ästhetik des Bauhaus-Stils) auf zwei halbkreisförmige Flächen um eine zumeist karge Bühnenfläche. Walhall ist die oberste Plattform des Walkürenfelsens, ein riesiger Rubik-Würfel, der sich horizontal auffächern läßt. Oben freuen sich die Götter falsch und feig, ihre unschuldigen rein-weißen Kostüme erinnern an den Beginn des 20.Jahrhunderts.

Sänger und Orchester

Eine der Vorzüge dieser Premiere ist ohne Zweifel die Erkenntnis, daß man auch an vermeintlich kleinen Häusern einen Ring auf hohen Niveau besetzen kann, in diesem Fall besonders die drei zentralen Rollen des Rheingolds: An erster Stelle ist Ulf Paulsen zu nennen, mit seiner hellen baritonal gefärbten Stimme läßt er als Wotan viele stimmliche Gestaltungsmöglichkeiten erkennen – und verfügt über genügend Reserven, um besonders in den tiefen Lagen Charakter zu zeigen. Das wird deutlich bei den inneren Kämpfen, aber auch in der Auseinandersetzung mit Loge oder Alberich. Albrecht Kludszuweit (schon als Mime im Siegfried aufsehenerregend) singt als lyrischer Tenor mit Saft und Kraft einen tiefsinnigen Loge, singt die Phrasen betont aus, betont wortverständlich die Sätze: Es wird deutlich, warum Loge nicht in Walhall einzieht. Das stimmliche Duell mit den Göttern kann Stefan Adam (Alberich) mit dämonischer Tiefe offen halten. Hier wird auch deutlich, daß Antony Hermus mit den Sängern mitfühlt – gerade Stefan Adam erhält genügend Zeit und Raum, um die Rolle zu gestalten: Er ist kein Zwerg, sondern agiert auf Augenhöhe mit den Göttern. Aber auch die Zusammenarbeit mit der Anhaltischen Philharmonie kann mit der Einbindung der Sänger und auch orchestral überzeugen, selten hat man das Anschwellen des Rheins, den berühmten Es-Dur-Akkord am Anfang, so feinsinnig gewoben und transparent gehört, beim Einzug der Götter hört man die kommenden Probleme heraus. Auch die Nebenrollen können sich hören lassen: Rita Kapfhammer verfügt über ein schier unerschöpfliches Stimmvolumen und Tonummfang und entspricht dem Format der freundlichen Göttergattin Fricka. Angelina Ruzzafante hat als schwerer Koloratursopran kaum Aufwand mit der kurzen Rolle der Freia, ihre Hilferufe bleiben in Erinnerung.

Ivan Turšić (Mime) und David Ameln (Froh) können in den Tenorrollen mit sicherer Höhe Aufmerksamkeit erregen, Javid Samadov (Donner) und Anja Schlosser (Erda) bleiben zu blaß.

Fazit

Mit geradezu frenetischem Beifall feiert das Theater Dessau die letzte Ring-Premiere und die letzte Premiere der Ägide, Intendant André Bücker (Regie) und GMD Antony Hermus. Beide verlassen das Haus, nachdem wegen rigider Sparmaßnahmen modernes Musiktheater wahrscheinlich nur noch wenig möglich ist. Dieser Ring zeigt mit farbenprächtigen Bildern (manchmal mit zuviel Farbe und Formen), detailliert durchdachter Personenregie und einer fesselnd, beispielhaften musikalischen Erläuterung durch Orchester und Solisten, was eine gute Intendanz leisten kann.

Leicht, ironisch, witzig – Das Anhaltische Theater Dessau vollendet seinen Nibelungen Ring mit einem bejubelten „Rheingold“, nmz, 01.02.2015

Der regieführende Noch-Intendant André Bücker und der ebenfalls Dessau verlassende GMD Antony Hermus haben es hinbekommen: Sie haben das Kunststück fertig gebracht und ihren Nibelungen Ring vollendet. Gegen alle widrigen, vor allem politischen Rahmenbedingungen. Selbst der Untertitel „in der bauhausstadt“ ist mehr als nur ein Marketing-Gag. Über weite Strecken wird dieser Bezug zu einer ästhetischen Inspiration, um das Wagnersche Monstrum neu zu befragen. Möglicherweise ist es für das Anhaltische Theater der letzte gelungene Beweis für die mobilisierende Kraft, die ein gemeinsamer Wille zur Kunst auch in Sachsen-Anhalt freizusetzen vermag.

Von Joachim Lange

André Bücker kann Dessau nach sechs Jahren als Intendant jedenfalls ruhigen Gewissens verlassen, nachdem er den vergifteten Politiker-Ratschlag, sich doch auf seine Intendanten-Stelle neu zu bewerben, verständlicherweise ausgeschlagen hat. Er kann es aber auch als Künstler. In den Premieren-Jubel für das „Rheingold“, mit dem der Ring vollendet wurde, floss wohl auch die Anerkennung des Publikums für Bücker und Hermus ein, die sich beide als wackere Streiter für Wagner, das Theater und die Kunst erwiesen haben.

Antony Hermus hat seine Anhaltische Philharmonie vom den ersten aus dem Nichts oder besser vom Rheingrund aufsteigenden Tönen bis zum Einzug der Götter in Walhall ganz vorzüglich im Griff. Er liefert mit diesem „Rheingold“ ein schönes Beispiel dafür, wie leicht das eigentlich schwer zu machende klingen kann. Mit allen Finessen, die der leichte Konversationston des Ringvorabends braucht, um die Worte verständlich von der Rampe aus (aber auch aus der Tiefe des Raumes) unters Volk kullern zu lassen Man folgt sozusagen aufs Wort dem nachvollziehbaren familiären Beziehungsstress dieser ach so menschlichen Götter, dem Bruderzwist zwischen den Riesen, dem Gier-Wettbewerb zwischen den beiden Nibelungenbrüdern Albreich und Mime. Aber auch der listige Witz des schlauen Loge funkelt auf, mit dem der jede Falschheit dieses Spiels um die Macht durchschaut und es anheizt, in dem er sich bewusst dumm stellt.

Hier setzt Bücker mit seiner fabelhaften Darstellercrew auf einen ironisch witzigen Zugang. Das artet nie ins Schenkelklopfen aus, aber dabei zuzusehen, wie es zwischen dieser eitlen Götter-Bagage, dem arbeitenden Volk und dem Unterweltpersonal immer wieder menschelt, das macht Spaß. Am besten funktioniert das bei Vollblut-Komödianten wie Ulf Pausen (als Wotan mit Pelzkragen und Wagner-Barrett), Rita Kapfhammer (als fürstlich herausgeputzter und vokal auftrumpfender Fricka), Angelina Ruzzafante (als verschacherter Freia) und Albrecht Kludszuweit als Loge. Etwas steifer im Spiel aber mit tadelloser Eloquenz profiliert Stefan Adam den Alberich, der den Rheintöchtern den Goldwürfel klaut und sich dann trotz großer Videoverwandlungs-Show in Wurm und Kröte, das Gold von Wotan und Loge wieder abnehmen lassen muss.

Da man in Dessau den Ring von hinten aufgezäumt und mit der „Götterdämmerung“ begonnen hat, bleibt dem Zuschauer gar nichts anderes übrig, als sich die „richtige“ Reihenfolge selbst zu denken. So verweist denn das „Rheingold“ mit dem dominierenden, fast unschuldigen Weiß der spielerisch auf die Entstehungszeit verweisenden Kostüme von Suse Tobisch und den beweglichen Projektionswänden von Jan Steigert auf jenes Stadium in dem die Bilder laufen lernten. Da beginnen die Scherenschnitte der Götter und Riesen ein Eigenleben, da wird das Blau des Rheins schwungvoll hingetuscht oder ein leuchtendes Rot für das Feuer Loges projiziert. Das symbolträchtige Gold schließlich ist ein Bildersturm, der gleich das ganze Welt(kultur)erbe zitiert. Folgerichtig illustriert eine Ikonographie des Schreckens bis in die Gegenwart hinein Alberichs Fluch. Da es um die Macht des Mediums Films geht, ist Nibelheim ein Disney-Studio, in dem die Nibelungen wie in der Klippschüler sitzen und zeichnen.

So besteht denn der Schatz, mit dem Freia ausgelöst wird, logischerweise aus goldenen Filmrollen als Symbol der Macht, die zur Macht der Bilder wird. Noch ein zentrales optisches Leitmotiv dieses Rings hat hier seinen Ursprung: der Würfel. Aufgefächert und mit einer Umrahmung, die auch etwas ans Kanzleramt erinnert, steht er hier zunächst für die gerade vollendete Götterburg Wahlhall… Obwohl dieser Ring jetzt komplett jetzt ist, steht die eigentliche Premiere noch bevor – im Mai und im Juni wird es den gesamten Zyklus zu sehen geben. Dann erstmals in der richtige Reihenfolge.

Wagners „Rheingold“ im Bauhaus-Stil, Mitteldeutsche Zeitung, 01.02.2015

Von Johannes Killyen

Am Anhaltischen Theater Dessau feiert Richard Wagners „Rheingold“ eine umjubelte Premiere. Die Anhaltische Philharmonie spielt schillernd und leicht - mit romantischem Hörnerklang und warm timbrierten Holzbläsern.*

Macht hat ihren Preis, und die Götter werden ihn bezahlen. Einstweilen jedoch freut sich der unsterbliche Nachwuchs über die neue Götterburg. Während das Elternpaar unschlüssig auf das kubische Wunderwerk blickt. Und der ungeliebte Halbgott lieber draußen bleibt.
Wie ambivalent der Schluss von Richard Wagners Musikdrama „Das Rheingold“ ist, wurde Freitag bei der umjubelten Premiere am Anhaltischen Theater Dessau deutlich: Mit dickem Pinsel breitet der Meister da sein Regenbogen-Motiv aus, das blendend vom Triumph der Götter kündet.
Doch viel ist passiert, bis es dazu kommt: Betrug und Raub, Erpressung und Mord. Welten liegen zwischen dieser scheinheiligen Entrückung und dem unschuldigen Naturlaut zu Beginn des Werkes, das 1869 seine Uraufführung erlebte.

In umgekehrter Reihenfolge
Mit dem „Rheingold“ ist der Dessauer „Ring“ am Anfang und zugleich am Ende angekommen. In umgekehrter Reihenfolge hat der Regisseur und scheidende Intendant André Bücker den Untergang der Götter als Gleichnis auf die Macht der Bilder inszeniert: Nach dem finalen Systemabsturz in der „Götterdämmerung“, den virtuellen Bilderwelten des „Siegfried“ und der Hollywood-„Walküre“ findet das „Rheingold“ seinen Platz in der Frühgeschichte des Films.

Dieser stringente Ansatz wird ergänzt durch die am Bauhaus-Stil geschulte Ästhetik aller Inszenierungen und den Einsatz von Videoprojektionen (Frank Vetter und Michael Ott), die den Zuschauer mit ihrer Bilderflut stark fordern, aber konstitutiver Bestandteil der Lesart sind. So ist ein unverwechselbarer Dessauer „Ring“ entstanden, der die große Wagner-Tradition des mitteldeutschen Hauses im Geiste der Moderne fortschreibt.

Es gehört zu den Eigenheiten des musikalischen Regietheaters, dass bei aller Adaption die Musik unangetastet bleibt. So sangen die Sänger, spielte die Anhaltische Philharmonie die gleichen Noten wie vor 120 Jahren – und sie taten es großartig. Unter dem ebenfalls scheidenden Generalmusikdirektor Antony Hermus hat das Orchester an Transparenz und Selbstbewusstsein gewonnen und traf für das „Rheingold“, diese heimliche Komödie, den richtigen Ton: Nicht mulmig und schwer, sondern schillernd und leicht – mit romantischem Hörnerklang und warm timbrierten Holzbläsern.

Nur wenige Konzentrationsmängel waren im Graben zu registrieren. Dafür im Saal zu Recht frenetischer Beifall, als am Ende alle Instrumentalisten auf der Bühne erschienen. Zur farbigen Romantik der Musik setzen Jan Steigert (Bühne) und Suse Tobisch (Kostüme) Kontrapunkte in Schwarz und Weiß.

Die Rheintöchter, denen der Zwerg Alberich das Rheingold stiehlt, tummeln sich in einem weißen Zoetrop: ein optisches Gerät mit gegenläufigen Zylindern, das bewegte Bilder erzeugt. In weißen Gewändern handeln die Götter mit den ebenso weiß gekleideten Riesen Fasolt und Fafner um den Baupreis für die Götterburg Wallhall. Während ihre Ebenbilder im Hintergrund ein Eigenleben als Schattenrisse führen.

Im Halbdunkel der Höhlen Nibelheims zeichnen Kinder – welch gruselig-geniale Szene – im Akkord Bilder für Comicfilme, die dort heimlich entstehen. Denn Filme in goldenen Hüllen: Das ist die neue Technologie, die Alberich aus dem Rheingold gewonnen hat. Mit einem Ring der Macht, den Göttervater Wotan und Halbgott Loge dem Zwerg abnehmen als Preis für die Riesen, die Göttin Freia in ihrer Gewalt haben – die Hüterin der ewigen Jugend.

Vom verfluchten Ring mag Wotan freilich erst nach dem Rat der Göttin Erda lassen. Eine gute Entscheidung, weil Fafner im Streit um den Ring seinen Bruder Fasolt erschlägt. Der Weg nach Wallhall ist für die Götter frei. Das dominante Weiß der Inszenierung suggeriert Erstarrung, gegen die das Sängerpersonal aber grimmig komödiantisch anspielt: Überragend agieren Ulf Paulsen als Wotan und Albrecht Kludszuweit als Loge, eine der schönsten Wagner-Rollen überhaupt.

Einzug der weißen Götter
Stefan Adam überzeugt als wandelbarer Alberich, Ivan Turšic als weinerlicher Mime, während Javid Samadov und David Ameln als Donner und Froh etwas zu nah am Slapstick sind. Rita Kapfhammer bietet als Fricka dem Göttervater Paroli und kämpft um die verletzliche Freia (Angelina Ruzzafante). Fasolt und Fafner (Stephan Klemm, Dirk Aleschus) poltern rollengemäß, kennen aber auch lyrische Töne. Anja Schlosser ist eine sehr diesseitige Erda.

Nicht nur Riesen und Zwerge finden im Dessauer „Rheingold“ ein schlechtes Ende: Zum Einzug der Götter in Wallhall tippeln die ihres Goldes beraubten Rheintöchter (Katharina Göres, Jagna Rotkiewicz, Anne Weinkauf) als Greisinnen über die Bühne. Und mahnen ohnmächtig: „Falsch und feig ist, was dort oben sich freut.“