223. Spielzeit 2017/18

Das Spitzentuch der Königin

Premiere am 4. Dezember 2014, Großes Haus/Vorbühne


Gehören Sie zu den Musikliebhabern, die gern einen unterhaltsamen Nachmittag im Anhaltischen Theater verbringen möchten? Dann haben wir das Richtige für Sie – die »Operette zum Kaffee«! Sie erleben in einer knappen Stunde eine Wiener Operette in kleiner Besetzung auf der Vorbühne des Großen Hauses und haben im direkten Anschluss die Möglichkeit, den Nachmittag bei Kaffee und Kuchen ausklingen zu lassen.

Das titelgebende Spitzentuch schenkt die Königin von Portugal ihrem Vorleser, dem Dichter Cervantes. Sie hat darin eine Liebesbotschaft gestickt, doch entspinnt sich zwischen Königin und Dichterfürst keine Romanze, da Cervantes eine Hofdame liebt. Vom Tuch bekommt jedoch Graf Villalobos Wind. Dieser ist Regent des Landes anstelle des politisch desinteressierten Königs und sieht in dem Dichter einen lästigen Konkurrenten um den Einfluss bei Hofe. Als der Dichter das Tuch verliert, bringt er es dem König und klagt Cervantes an, ein Verhältnis mit der Königin zu haben. Der König verbannt prompt den Dichter und schickt die Königin ins Kloster. Cervantes ersinnt nun einen verwegenen Plan: Er entführt die Königin und lässt sie verkleidet in einem Gasthof auftreten. Hier wird in Kürze der König Rast auf einer Reise machen. Gelingt es Cervantes, das königliche Paar wieder zu vereinen?

Die satirische Mantel-und-Degen-Operette des Wiener Walzerkönigs hatte großen Erfolg bei ihrer Uraufführung 1880, wurde aber nicht zum Klassiker, der die Zeiten überdauerte. Dagegen wurde der Walzer-Querschnitt durch die Melodien des »Spitzentuchs« umso mehr zum Dauerbrenner. Dieser gehört unter einem bildkräftigen Titel zu den berühmtesten Konzertwalzern Strauß’: »Rosen aus dem Süden«.


Musikalische Leitung, KlavierMarius Zachmann
Fassung und Spielleitung der halbszenischen EinrichtungFelix Losert
ChorHelmut Sonne

Der KönigKristina Baran
Die KöniginCornelia Marschall
Donna IreneJagna Rotkiewicz
CervantesDavid Ameln
Graf Villalobos, Minister, Premier der RegentschaftJan-Pieter Fuhr
Don Sancho, Präceptor des KönigsAndré Eckert

Vorbericht, "Operette im XXL-Format, Mitteldeutsche Zeitung, 25.11.2014

von Corinna Nitz

Operette im XXL-Format Für eine Nachmittagsreihe des Anhaltischen Theaters hat Operndirektor Felix Losert jetzt das "Spitzentuch der Königin" zum Einakter eingedampft.

Als Mr. Z stieg Marius Zachmann vor einem Jahr in den Boxring im Alten Theater Dessau. Der Korrepetitor des Anhaltischen Theaters trat gegen die koreanische Pianistin Ming an. In wenigen Tagen ist er im großen Haus zu erleben. Dann feiert "Das Spitzentuch der Königin" von Johann Strauss Premiere. Zachmann übernimmt nicht nur die musikalische Leitung, sondern er spielt auch Klavier. Präsentiert wird Strauss' Werk in der Reihe "Operette zum Kaffee". Erstmals angeboten wurde dieses Format in der vergangenen Spielzeit. Es ist eine besondere Offerte für alle, die keinen ganzen Abend in einer Vorstellung im Theater verbringen wollen - oder können. Zum Auftakt hatte der Operndirektor des Anhaltischen Theaters, Felix Losert, Franz von Suppés "Die schöne Galathée" ausgewählt. Die sei eigentlich der einzige Einakter, der innerhalb von 50 Minuten alles das entfaltet, was der Operettenliebhaber erwartet. Nun also das "Spitzentuch der Königin": Losert spricht von einer Operette im XXL-Format, das Werk umfasst drei Akte. Es sei also der "denkbar schwierigste Gegenstand", um ihn auf eine Stunde zu kürzen. Brachial musste Losert dabei aber offenbar nicht vorgehen. Man lasse einfach alle "verworrenen" Nebenhandlungen weg. Sie seien es auch gewesen, die dazu führten, dass die Operette nach ihrer Uraufführung anno 1880 vom Publikum nicht in dem Maße angenommen wurde, wie es sich Komponist und Textdichter gewiss erhofft hatten.

Übrig bleibt für die halbszenische Fassung in Dessau die Mantel- und Degengeschichte (siehe "Verfängliche Liebesbotschaft"). Losert spricht von einem Mittelweg, wichtig sei, dass es glaubhaft ist, die Handlung sichtbar bleibt. Dies gelingt, weil musikalisch alle drei Finali beibehalten werden. Vor allem berühmt wurde ein Konzertwalzer, der unter dem Titel "Rosen aus dem Süden" firmiert. Gespielt wird auf der Vorbühne ohne Bühnenbild, aber mit Requisiten und zum Teil auch in Kostümen. Erstmals in der Reihe "Operette zum Kaffee" werde der Opernchor mitwirken (Leitung: Helmut Sonne). Also doch XXL. Über das Genre an sich sagt Losert: "Mir macht Operette Spaß." Mit den Zutaten Dialog, Spiel, Gesang kombiniert sie alles, was man braucht - und sei doch leichter zugänglich. Jedenfalls müsse der Zuschauer nicht stundenlang ein Libretto lesen.

MARSCHALL SINGT

Verfängliche Liebesbotschaft

Die Titelrolle in der Operette "Das Spitzentuch der Königin" übernimmt Cornelia Marschall (Foto). Die Berliner Sopranistin gehört seit der Spielzeit 2006/07 zum Ensemble des Anhaltischen Theaters. In dieser Saison ist sie in "Die Zirkusprinzessin", "The Beggar's Opera/Polly", "Die Walküre", "Carmen" und "Das Rheingold" zu erleben. Premiere hat "Das Spitzentuch der Königin" im Rahmen der Reihe "Operette zum Kaffee" am 4. Dezember, 16 Uhr. Das titelgebende Tuch schenkt die Königin von Portugal ihrem Vorleser, dem Dichter Cervantes. Sie hat eine verfängliche Liebesbotschaft hineingestickt, die in die falschen Hände gelangt, nämlich in die des intriganten Grafs Villalobos. Dieser klagt Cervantes an, ein Verhältnis mit der Königin zu haben. Der König verbannt den Dichter und schickt die Königin ins Kloster. Cervantes entführt die Königin und lässt sie verkleidet in einem Gasthof auftreten, in dem der König auf einer Reise Rast machen wird. Gelingt es Cervantes, das königliche Paar wieder zu vereinen?

Im Anschluss an die Aufführung kann, wer mag, den Nachmittag bei Kaffee und Kuchen im Theaterrestaurant ausklingen lassen.

Kurzweiliges Stelldichein, MZ, 08.12.2014

von Thomas Altmann

Pastetenleib und Frauenkörper: „Stets kommt mir wieder in den Sinn, was mich einst delektierte.“ In diesem köstlichen Couplet sind es die Trüffel, welche den König laben und zudem unmissverständlich darauf verweisen, dass Frauen ähnlich schmackhaft sind, auch die des Ministers, des Grafen Villalobos.

„Das Spitzentuch der Königin“ von Johann Strauß hatte am Donnerstag Premiere, eingedampft zu einer halbszenischen Fassung von Operndirektor Felix Losert. Mit der „Operette zum Kaffee“ kredenzt das Anhaltische Theater Dessau eine Offerte an alle, die einen Wagner nicht durchsitzen wollen - oder können. Drei Akte in einer Stunde, kein Bühnenbild, kein Orchester, dafür Requisiten, Kostüme, Klavier und Chor. Neben der Kurzweil bietet das Stelldichein auf der Vorbühne eine Möglichkeit, im Schatzkästchen zu kramen. Nun wurde ein Petit Four serviert.

Satirische Aktualität

Bei der Uraufführung 1880 im Theater an der Wien feierte die Operette schlagende Erfolge, die um die Jahrhundertwende verstummten. Nur das Potpourri „Rosen aus dem Süden“ überlebte. So nahezu vergessen, wurde hundert Jahre nach der Uraufführung begonnen, das Stück wieder zu heben. Weder das Libretto, beruhend auf einer von mehreren Autoren überarbeiteten Idee Heinrich Bohrmanns, und schon gar nicht die Musik scheinen dem Vergessen einen Grund geliefert zu haben, eher die satirische Aktualität. Augenscheinlich allerdings spielt das Stück im 16. Jahrhundert und in Portugal. „Cervantes“ nannte Bohrmann sein Buch. Und wahrlich war Cervantes in Portugal, allerdings nicht als Vorleser bei Hof und auch „Don Quijote“ erschien erst, als der junge König Sebastian I. gestorben war. Mit 14 Jahren kam Sebastian auf den Thron, ein Eiferer mit Ambitionen zum Kreuzritter. Er führte sein Heer in den Untergang und Portugal letztlich in die Hände der spanischen Habsburger. In diesem historischen Gewand spiegelt die Operette die Verhältnisse am heimischen Kaiserhof. Thronfolger Rudolf veröffentlichte gegen die konservativen Ansichten des Vaters anonyme Schriften, etwa im „Neuen Wiener Tageblatt“, einem „Demokratischen Organ“. Kaiser Franz Joseph I. stellte dem gerade volljährigen Sohn den Grafen Charly Bombelles zur Seite, um den Kronprinzen von subversiven Gedanken und Freunden lustvoll fern zu halten. Bevor sich Rudolf 1889 auf Schloss Mayerling eine Kugel in die Stirn schoss, hatte der Operettenkönig zu seiner vorgegebenen Rolle in Verantwortung gefunden. Im Stück sind die königlichen Ablenkungen dem Grafen Villalobos als Regent nützlich, um die eigene Macht auszubauen. Cervantes wird dabei zum gefährlichen Gegenspieler. Die halbszenische Fassung kann nicht alle Vergnügungen verschränken und in voller Sinnlichkeit auskosten, streift mit den Gaumenfreuden immer mal Hausmannskost und liefert doch eine Ahnung von der prallen Lust der körperbetonten Intrigenwirtschaft.

Handgemachte Hofschranzen

Jan-Pieter Fuhr als Graf Villalobos und André Eckert als Don Sancho formen zwei handgemachte Hofschranzen. David Ameln gibt mit Cervantes einen klaren auch samtenen Rebellen. Jagna Rotkiewicz findet als Donna Irene in allen kniffligen Verstrickungen die klaren Rhythmen, schön etwa während der Untersuchung von Cervantes Schädel. Und die Narrheit tanzt Polka mit dem Chor, der immer wieder, wenn nicht gerade Zeremonien herrlich dröge abgesessen werden, pralles Leben in die Bude bringt.

Cornelia Marschall als Königin fährt in Konkurrenz zu jedem Trüffel zart im Gaumen schmelzende Freuden auf. Dass der König hier erst instruiert werden muss? Kristina Baran vertilgt die Trüffel in einer Hosenrolle, welche die Vielseitigkeit des Vergnügens knabenhaft, enthüllend und verweisend transportiert. Marius Zachmann macht aus dem Klavier deutlich mehr als eine Vertretung. Nie zu viel, nie zu wenig, genießt er den musikalischen Humor und die rhythmischen Spitzfindigkeiten, schmilzt arios dahin und fasst coupletselig in die Tasten. „So süß, so reizend düftevoll.“ (mz)