Der Staatsanwalt hat das Wort

Folge 16: Otello, Oper von Guiseppe Verdi

Das strenge Auge des Gesetzes in Person eines leibhaftigen Staatsanwalts sucht und findet die unzähligen menschlichen Abgründe der Stückfiguren, unterscheidet fein zwischen Recht und Moral, prüft Verjährung und wichtet unnachgiebig Strafen. Ab dieser Spielzeit führt Operndirektor Felix Losert durch den Abend und erzählt von den abgründigen Hintergründen des Theaters. Einhundert gereimte Zeilen à la Wilhelm Busch, exklusiv verfasst von Andreas Hillger, nehmen Ihnen gleich zu Beginn des Abends die Bürde, sich selbst mit der Handlung des Stücks befassen zu müssen. Die wahre Kunst geschieht hier hinter den Kulissen: Schauspieler des Anhaltischen Theaters sprechen für Sie hinter einer Schattenwand die inkriminierten Originaltexte.
Lassen Sie sich - bei einem guten Getränk aus »Plan B«, der Kneipe im Alten Theater - unterhalten, belehren und juristisch beraten!
Rechtsmittel gegen diesen Abend sind ausgeschlossen.


Leitung & Moderation Felix Losert/Gunnar von Wolffersdorff
VerseAndreas Hillger
Mit:Mitgliedern des Ensembles

»Es ist Sonnabend und in der kleinen Spielstätte des Hauses läuft eine neue Folge von Der Staatsanwalt hat das Wort. Deren Prä ist es, dass kein Schauspieler in die Rolle des Ermittlers und Anklägers schlüpfen muss. Denn mit von Wolffersdorff hat sich ein ›echter‹ Staatsanwalt gefunden, der regelmäßig Stückefiguren aus aktuellen Inszenierungen auf die Anklagebank bringt. Das zieht - wieder einmal ist das Foyer des Alten Theaters voll besetzt. Und das, wo gerade ›Wetten, dass...‹ aus der Fernsehgeschichte verabschiedet wird. ›Wir haben die Primetime in Dessau erobert‹, frohlockt der Jurist. Was nun das Grimm'sche Märchen betrifft, so gebe es da kaum Kriminalität.«
Corinna Nitz, 16.12.2014, Mitteldeutsche Zeitung, zum ganzen Beitrag

»Die Fristen sind verjährt zum Teil. Dennoch werden endlich die in Dramen verborgenen Straftaten zur Anklage gebracht. ›Faust-Recht‹ hieß am Freitag im Foyer des Alten Theaters Dessau die erste Folge einer neuen Serie, die einen alten Titel führt: Der Staatsanwalt hat das Wort. Hier sprach ein Staatsanwalt, Gunnar von Wolffersdorff, der seine amtlich gezirkelte Eloquenz so schön ironisch unterwanderte und offenbar genoss, dass die Fakten fantastisch zwischen Dichtung und Wahrheit, Unterhaltung und Urteil rochierten. ›Keine Strafe ohne Gesetz‹ lautet der Paragraph, der über allen anderen steht. Es könne ›nur bestraft werden, wenn die Strafbarkeit gesetzlich bestimmt war, bevor die Tat begangen wurde‹. Der Zeit der Handlung käme, so von Wolffersdorff, die Constitutio Criminalis Carolina, die Halsgerichtsordnung Karls V. nahe, verfasst 1532, da peinlich noch juristisch statt schamhaft für das lateinische Wort poena, Strafe, stand. Berücksichtige man die Zeit der Niederschrift könne das Reichstrafgesetzbuch (RStGB) des jungen Kaiserreiches von 1871 Bemessung bieten.«
Thomas Altmann, 24.09.2012, Mitteldeutsche Zeitung, zum ganzen Beitrag


»›Des Teufels drei goldene Haare‹ am Anhaltischen Theater Dessau ist ein Publikumsmagnet. Was im Großen Haus als "feenhafte Illustration" auf die Bühne kommt, wurde jetzt im Alten Theater auf seine juristischen Tatbestände untersucht: Am Sonntagabend gab es dort die zweite Auflage von Der Staatsanwalt hat das Wort - mit Gunnar von Wolffersdorff, der auch im richtigen Leben in Dessau als Ermittler unterwegs ist. Was die Straftaten in dem Grimm-Märchen angeht, so ist die Verletzung des Briefgeheimnisses noch eine der geringsten, wie von Wolffersdorff im MZ-Gespräch mit Corinna Nitz erläutert.

Herr von Wolffersdorff, die finsterste Gestalt in ›Des Teufels drei goldene Haare‹ ist der König, oder?
von Wolffersdorff: Der König ist der Haupttäter.

Welche Straftaten gehen auf sein Konto?
von Wolffersdorff: Versuchter Mord, als er den Jungen ins Wasser setzt. Außerdem versuchte erfolglose Anstiftung zum Mord...

...als er den Jungen mit einem Brief zur Königin schickt, in dem er dessen Hinrichtung fordert?
von Wolffersdorff: Ja, allerdings wird der Text unterwegs von Räubern ausgetauscht.

Ist das auch eine Straftat?
von Wolffersdorff: Es handelt sich um die Verletzung des Briefgeheimnisses.

Um noch einmal auf den König zurückzukommen: Mit welcher Strafe müsste er heute rechnen?
von Wolffersdorff: Im Märchen ist die Strafe ja schon eingebaut, er löst den Fährmann ab, für immer. Man könnte das scherzhaft auch eine ewige gemeinnützige Arbeit nennen. Im Sinne unseres Strafgesetzbuchs wäre das natürlich nicht gerecht. Für den Mordversuch hätte er im schlimmsten Fall eine lebenslange Freiheitsstrafe bekommen können, weil er nicht damit rechnen konnte, dass das Kind aus dem Wasser gerettet wird.

Es gibt ja ein Happy End, dennoch ist das Märchen brutal, eigentlich nicht wirklich für Kinder geeignet..
von Wolffersdorff: Das ist ein viel diskutiertes Thema, die Gebrüder Grimm haben ihre Märchen zu Lebzeiten selbst entschärft. Aber es scheint nur für Erwachsene ein Problem zu sein, Kindern erscheint eher logisch, was mit den Bösen passiert. Abgesehen davon finden wir viel Rechtsgeschichte in den Märchen. Und die Gebrüder Grimm waren selbst Juristen, bevor sie in die Literatur gingen. Auch Goethe war Jurist. von Wolffersdorff: Was sie beschäftigt, sind menschliche Dramen. Das ist die Klammer und auch der Reiz dieses Theaterformats.

Heißt das, Sie werden selbst eines Tages Geschichten schreiben?
von Wolffersdorff (lacht) : Im Ruhestand selbst Gerichtsberichte für eine Zeitung zu schreiben, danach würde es mich gelüsten.«
Corinna Nitz, 12.12.2012, Mitteldeutsche Zeitung, zum ganzen Beitrag