222. Spielzeit 2016/17

Ballett mit Orchester

Drei Grotesken

Ein Tanzabend der Klassischen Moderne im Bauhaus mit Musik von Wilhelm Grosz, Max Brand und Stefan Wolpe

Premiere 26. Februar 2017, 20 Uhr

Max Brand: Tragödietta

Stefan Wolpe: Drei ANTI-Stücke

Wilhelm Grosz: Baby in der Bar


Tomasz Kajdański bringt drei fast vergessene Werke der 20er Jahre wieder auf die Bühne. Die Avantgarde der Goldenen Zwanziger gehört zu den produktivsten und vielfältigsten Kunstbewegungen der Geschichte. Im Theater drängten Tanz- und Jazz-Musik, politische Themen und Zeitmode auf die Bühne. Auch und gerade im Tanz explodierten die Ausdrucksweisen und Formen dieser Gattung.

Der Österreicher Wilhelm Grosz (1894–1939) machte in den Zwanziger Jahren mit einigen kleinen Musiktheaterwerken auf sich aufmerksam. Neben dem Operneinakter Sganarell, der 1925 in Dessau herauskam, ist es vor allem die Zeitoper Achtung, Aufnahme! auf ein Libretto des Bartók-Librettisten Béla Balázs, die 1930 in Frankfurt Furore machte. Nach seiner Emigration 1934 nach England trat Grosz zunehmend als Schlagerkomponist hervor, sein Song Isle of Capri war der Sommerhit 1934. Kurz nach seiner Übersiedlung in die USA starb Grosz 45jährig in New York. Schon 1928 hatten Balázs und Grosz in Hannover das ›groteske Tanzspiel‹ Baby in der Bar herausgebracht, das die expressionistisch-erotischen Vorgänge aus Balász’ Szenarium mit charmanten Klängen einer sinfonisch veredelten Tanzkapelle und zeitgenössischen Jazz-Elementen verschmilzt. Es erlebt in Dessau seine erste Aufführung in diesem Jahrhundert.

Max Brand (1896–1980) schuf mit der ›ersten deutschen Fabrikoper‹ Maschinist Hopkins von 1929 als Synthese von Opernpathos, Geräuschmusik und Jazzklängen eine der Ikonen des Neuen Musiktheaters der 20er Jahre, sie wurde bis 1932 rund 200 mal aufgeführt. Seine zuvor erschienene, kleine experimentelle Tanzpantomime Tragödietta von 1927 versucht, aus der Jazz-Musik abstrakte musikalische und szenische Vorgänge herauszudestillieren. Von weiteren Aufführungen dieses Werkes nach der erfolgreichen Premiere in Duisburg ist nichts bekannt, die Partitur für 11 Instrumente wird für das Anhaltische Theater neu eingerichtet.

Stefan Wolpe (1902–1972) zählt laut Wikipedia »zu den wichtigsten Stimmen musikalischer Innovation im 20. Jahrhundert«. Bekannt ist er heute vor allem für seine Kompositionen im amerikanischen Exil; sein Schaffen als Komponist der Avantgarde der 20er Jahre trat vor allem 2012 durch die Erstaufführung der Kabarett-Oper Zeus und Elida von 1926 in Gelsenkirchen wieder ins Bewusstein. Weills Mitschüler Wolpe, der zu den Mitgliedern der Berliner Novembergruppe gehörte, schrieb einige Musiken für das politische Kabarett. Zu ihnen gehören die drei Stücke, die er für »Teddy and his Band« und das 1928 um Erik Ode gebildete Berliner Kabarett ANTI komponierte und in denen das Antikriegsgedicht Stimmen aus dem Massengrab von Erich Kästner erklingt. Sie sind erstmals in einer Tanz-Aufführung auf einer Bühne zu erleben.

Die Produktion Drei Grotesken wurde realisiert aus Mitteln des Theaterpreises des Bundes 2015.

In Zusammenarbeit mit dem Kurt Weill Fest und der Stiftung Bauhaus Dessau.
Herzlichen Dank an das Polizeiorchester Sachsen für die Bereitstellung eines Sousaphons.



Musikalische Leitung Elisa Gogou
Inszenierung und ChoreografieTomasz Kajdański
DramaturgieJohannes Weigand, Raphaela Groh
BühneMoritz Nitsche
KostümeJudith Fischer

Max Brand - Tragödietta
Der BauerJulio Miranda
Die BäuerinNicole Luketic/Anna-Maria Tasarz
Die TochterMaria-Sara Richter/Nicola Brockmann
Der reiche MannDaisuke Sogawa
Der junge KnechtMarin Delavaud/Vincent Tapia

Stefan Wolpe - Drei ANTI-Stücke
1. BluesDas Ballettensemble
2. Stimmen aus dem MassengrabenSprechchor
3. MarschMarin delavaud, Vincent Tapia, Daisuke Sogawa, Julio Miranda

Wilhelm Grosz - Baby in der Bar
Der BarmixerMarin Delavaud
GästeNicole Luketic, Maria-Sara Richter, Nicola Brockmann, Julio Miranda, Daisuke Sogawa
Die tragische MutterAnna-Maria Tasarz/Nicole Luketic
Das KindVincent Tapia/Daisuke Sogawa

Anhaltische Philharmonie Dessau


»Die jungen Tänzer seiner [Tomasz Kajdanskis] Truppe wachsen in Drei Grotesken von Max Brand, Stefan Wolpe und Wilhelm Grosz voll Spiellust über sich selbst hinaus: Antikriegsdramen treffen auf Salonerotik. Das Bauhaus Dessau ist der richtige Spielort dafür. Weills Vorstellungen vom neuen musikalischen Theater werden hier kreativ ergänzt. Davon möchte man in Zukunft wieder mehr sehen.«
Isabel Herzfeld, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11.3.2017.


»Für Baby in der Bar verarbeitet Grosz (...) die Modetänze seiner Zeit, macht sie aber in der ›übertragenen Form‹, die Kurt Weill als Ergebnis des Adaptionsprozesses erkannte, zur Basis eines höchst komplexen, polytonal aufgefächerten Musik, die immer wieder ironisch mit den rhytmischen Vorgaben des Tanzes spielt. (...) Das verlangt von den Mitgliedern der Anhaltischen Philharmonie Dessau (...) viel Stilgefühl. Aber der Anspruch wird eingelöst: Die heiklen Soli sind so gut wie alle auf Glanz poliert, der Rhythmus wird mit Elan und Elastizität getroffen. Dirigentin Elisa Gogou lässt, auf Präzision bedacht, wenig laszive Schleier zu; das Zupackende liegt ihr eher. Aber zwischentöne wie in dem grotesken Trauermarsch Wolpes sind bei ihr in guten Händen. (...) Judith Fischers Kostüme greifen in herrlicher Vielfalt die Mode der Zeit auf (...). Als Säugling hat Vincent Tapia eine hinreißende Paraderolle in Baby in der Bar, die er mit sichtlichem Vergnügen und geschmeidiger Körperenergie ausfüllt. Marin Delavaud brilliert als Barmixer (...).«
Werner Häußner, der neue merker, 1.3.2017, ganzen Artikel lesen


»Kurzweilig und unterhaltsam. (...) Kajdanski [gibt] seinen Tänzern Raum zur Entfaltung. Die nutzen insbesondere Marin Delavaud und Maria-Sara Richter in den Hauptrollen hervorragend.
Durch die Optik besticht der zweite Teil des Abends. (...) Die Tänzer bewegen sich zu Beginn hinter einer Wand. Durch unterschiedliche Entfernungen zum Scheinwerfer entstehen Effekte, die im Ambiente der Bauhaus-Bühne eine besonders faszinierende Wirkung haben. (...) Die Mitglieder der Anhaltischen Philharmonie und ihre erste Kapellmeisterin Elisa Gogou leisteten ebenfalls hervorragende Arbeit - selbst an eher ungewöhnlichen Instrumenten wie Banjo oder Sousaphon. Das Beste kommt auch bei den Drei Grotesken zum Schluss: Wilhelm Grosz' Baby in der Bar (...). Kajdanski inszeniert das mit Humor. Und Vincent Tapia (...) tanzt das Baby witzig und stets auf den Punkt.«
Ute König, Mitteldeutsche Zeitung, 28.2.2017


»(...) Also das passt zum Kurt Weill Fest wie die Faust ins Ohr. (…) Wer den Choreographen Tomasz Kajdański kennt der weiß auch, dass es bei ihm immer handwerklich anspruchsvoll, von der Ästhetik her dabei aber immer mit einem gehörigen Schuss Humor zugeht (…).«
Wolfgang Schilling, 27.2.2017, MDR Kultur