Schauspiel

Gas — Plädoyer einer verurteilten Mutter

Monolog von Tom Lanoye
Deutsch von Rainer Kersten

Premiere 30. September 2017, 20 Uhr, Studio

Ein Giftgasanschlag in der U-Bahn, bei dem 184 Menschen, darunter 70 Kinder ums Leben kamen. Der Attentäter wurde von der Polizei erschossen.

In diesem Monolog spricht die Mutter des Täters. Sie erzählt von seiner Geburt, Kindheit und Jugend, von den Talenten und Eigenheiten ihres toten Kindes. Sie versucht, die Beziehung zu ihrem Sohn, ihre Liebe zu ihm in Worte zu fassen. Sie will kein Mitleid, kein Verständnis, sie will herausfinden, wie er ihr abhanden gekommen ist, warum sie ihn an eine tödliche Ideologie verloren hat. Darf sie überhaupt trauern, sie, die nun mit der Verurteilung leben muss, dass andere Mütter durch sie ihre Kinder verloren haben? Ist sie eines seiner Opfer oder als Mutter des Täters mitverantwortlich für seine Taten? Hinter all diesen Fragen findet sie nur das Unerklärliche.

Mit Gas legt der flämische Autor Tom Lanoye einen Text vor, der die unerträgliche Last eines Terror-Anschlags einer einzelnen Frau aufbürdet und die Mutter des Attentäters mit der Tat ihres Sohnes konfrontiert. Der Autor, der bereits mit Klassiker-­Adaptionen wie dem Shakespeare-Marathon Schlachten! oder Mamma Medea internationale Aufmerksamkeit erregte, schrieb das Stück kurz vor den Anschlägen von Brüssel 2016. Unmittelbar danach wurde es beim Heidelberger Stückemarkt als eine »nahezu hellseherische Beschreibung einer nun realen Situation« gewürdigt. Das Anhaltische Theater Dessau wird den Monolog kurz nach seiner deutschen Erstaufführung auf die Bühne bringen und das Publikum mit der Frage konfrontieren: »Könnte das auch mein Kind sein?«



Inszenierung Johannes Weigand
Bühne und Kostüm Nancy Ungurean
DramaturgieAlmut Fischer

Mit Illi Oehlmann

»Das letzte Wort spricht die Mutter schon im Dunkeln. Dann herrscht lange Stille, bis der Applaus im Alten Theater beginnt. Der ist üppig und lange. Doch es gibt diesmal weder Fußgetrappel, noch Bravo-Rufe - was der großartigen schauspielerischen Leistung von Illi Oehlmann durchaus angemessen gewesen wäre. Dem Stück aber irgendwie nicht. Tom Lanoyes "Gas - Plädoyer einer verurteilten Mutter" hat am Samstag so gut wie alle ergriffen - über den Schlusssatz hinaus: Illi Oehlmann, die sich mit Tränen in den Augen beim Publikum bedankte, und die Zuschauer, die nach der Premiere deutlich nachdenklicher in die Nacht hinaus gingen als nach manch anderem Abend im Theater.[…] Illi Oehlmann ist ganz nah dran an ihrer Figur. Sie macht die emotionalen Extreme der Mutter von nachdenklichen, leisen Momenten über Wutausbrüche bis hin zum Lachanfall glaubhaft. Tränen fließen. Oehlmann findet den perfekten Weg, emotional zu sein, aber nicht überdreht zu spielen. Ihr einziger Partner auf der Bühne ist ein verkrüppelter Tannenbaum. Die Schauspielerin weiß den Raum auszufüllen und den Spannungsbogen zu halten. Der Monolog wirkt an keiner Stelle schwülstig. Für das Publikum sind die 70 Minuten intensiv, jedoch keineswegs anstrengend zu überstehen.« Ute König, 2. Oktober 2017, Mitteldeutsche Zeitung. Zur gesamten Kritik