222. Spielzeit 2016/17

Hirsch Heinrich

Eine Vorweihnachtsgeschichte von Stephanie Rinke nach dem Kinderbuch von Fred Rodrian

Für Menschen ab 4 Jahren


Erinnerst Du dich noch an den Hirsch Heinrich? fragt er. „Natürlich! Wie könnte ich den jemals vergessen!“ sagt sie. Da sitzen sie, Herr und Frau Müller, in ihrem Wohnzimmer, am Weihnachtsabend, kurz vor der Bescherung und denken sich zurück in die Zeit, als sie selbst noch Kinder waren, und ein kleiner Hirsch aus dem fernen China in ihren Zoo kam. Anfangs fühlte sich der Hirsch sehr einsam, aber wenn Kinder ihn besuchten, war er glücklich. Doch dann kam der Winter, und immer weniger Kinder kamen, und weniger, und weniger, und … das Heimweh von Hirsch Heinrich wurde immer größer. Als das Heimweh unerträglich wird, nimmt er einen gewaltigen Anlauf und springt über sein Gehege. Ein Abenteuer beginnt, denn weit ist der Weg nach China und Heinrich ganz allein unterwegs! Ob er aber tatsächlich bis nach China gelangt, dass sei noch nicht verraten. Herr und Frau Müller spielen die Geschichte ihrer Kindheit mit allem, was sie in ihrem Wohnzimmer finden können. Da werden die Stehlampe zum Käfig und die Salzstreuer zu einer Schulklasse. Die gute Stube verwandelt sich blitzschnell in einen Wald, eine Stadt, einen Zoo. Mit großem kindlichem Vergnügen entsteht eine Welt der Fantasie, und natürlich gibt es auch einen wirklichen Hirsch Heinrich, denn manchmal bekommt man noch ein ganz besonderes Geschenk … Eine kleine Vorweihnachtsgeschichte mit Puppen, Objekten und Schauspiel über die Sehnsucht und die Weihnacht.


Vorstellungsdauer: 1h


RegieStephanie Rinke
Bühne, Kostüme und PuppenClaudia Sill
DramaturgieFrank Bernhardt
SpielerUta Krieg, Helmut Parthier

Weihnachten bei Müllers mit Bauch und Geweih Mitteldeutsche Zeitung, 7.12.2009

von Thomas Altmann

Puppentheater: «Hirsch Heinrich» feiert mit dem Charme der kleinen Leute Premiere

Martha Müller hängt Wäsche in die gute Stube, auf dass sie trockne. Paul Müller repariert das alte Grammophon. Die dreiarmige Stehlampe greift mit ihren schrägen Kegeln, den Kunststoff-Lampenschirmen, in den schrägen Charme der kleinbürgerlichen Heimstätte und in die frühen 1960er Jahre. Es ist laut Kalender der 23. Dezember, aber nur, weil Martha sich einfach weigert, ein Blatt abzureißen. Das Stück "Hirsch Heinrich" hat an St. Nikolaus Premiere im Dessauer Puppentheater gefeiert. Die diesjährige Vorweihnachtsgeschichte wurde dem großen Fundus der DDR-Literatur entnommen. Autor Fred Rodrian war ab 1975 bis zu seinem Tod 1985 Cheflektor beim Kinderbuchverlag Berlin. Illustriert wurde seine 1960 erschienene Geschichte von Werner Klemke. In Dessau ähnelt die Puppe Paul dem Paul des Kinderbuches, hebt Ausstatterin Claudia Sill den verwohnten Charme der Entstehungszeit der Geschichte zielsicher auf die Bühne. Regisseurin Stephanie Rinke zeichnet das Leid des aus China stammenden Tierpark-Hirsches Heinrich und das Schuldgefühl von Martha Müller voller vorweihnachtlicher Empfindsamkeit. Heinrich, seines Schicksals wegen ohnehin traurig gesinnt, wird mit Anbruch des Winters immer einsamer. Als am Heiligen Abend nicht einmal Klein-Martha oder Klein-Paul in den Tierpark kommen, springt er aus dem Gehege. Da begegnen ihm Jäger und tierliebe Kinder. Bis nach China ist es weit und der Hunger groß. So geht Heinrich zurück in den Tierpark, wo er bereits erwartet wird. In der Rahmenhandlung, in der guten Stube des Ehepaars Müller, ist der Hirsch wieder verschwunden und mit ihm die Lust Marthas, Weihnachten zu feiern. Schließlich geschah es an einem Heiligen Abend in ihrer Kindheit, dass Heinrich allein gelassen wurde. Uta Krieg und Helmut Parthier sind für ihre vorweihnachtlichen Rollen glaubhaft gealtert und bezaubernd altersgerecht üppig geworden, so dass die Strickjacke an der tief liegenden Plauze schön beschränkt spannt. Aber auch mit Bauch verführt Herr Müller ganz schmucklos seine Frau, sich einzulassen auf die Erinnerung an Kindertage und schließlich auf das hohe Fest. Gefeiert wird der köstlich blank gescheuerte Charme der kleinen Leute. Schlicht wie die Verhältnisse sind die spielerischen Mittel. Aus den Bettlaken auf der Wäscheleine werden Engelflügel, der Stubentisch wird zum Gehege, zum Winterwald, zum Dorf, der Nussknacker zum Tierpfleger. Natürlich beginnt es, am Ende zu schneien. Und als das Kalenderblatt fällt, öffnen sich die bescheidenen engen Wände. Das kinderlose Paar hat sich auf empfindsame Weise den Kinderblick zurück erobert. Ein Lichterbaum glänzt. Ein Hirschlein dreht sich auf dem Plattenteller. Müllers gehen geradewegs rührend in den Wald, Hand in Hand in den weich verweltlichten, nachchristlichen Gefühlskanon des kirchlichen Hochfestes. Weitere Vorstellungen von "Hirsch Heinrich" gibt es bis Heiligabend fast täglich vormittags und nachmittags.