Leaving Dessau

#####Mitteldeutsche Zeitung, „Dessau ist schön, drum herum“, 13.09.2014\n>Dessau ist schön, drum herum \nPREMIERE Spielshow "Leaving Dessau" startet am Fluchtpunkt im Alten Theater. \nVON THOMAS ALTMANN \nMag das Streichelgehege auch offen stehen, die Ziege bleibt im Stall, Leopold auf dem Sockel und Boris Malré am bewaldeten Ort. André Bücker wird gehen, Martin G. Berger kommen. Doch der Gewinner heißt Tizian Steffen. Was tut man nicht alles für eine Freifahrt nach Wiesenburg? \nAlso raus aus dem Land und rein in Folge Eins der Spielshow "Leaving Dessau", die den Siegern "Green Cards zur Ausreise ins goldene Rest-Deutschland" verspricht. Während vergleichbare Formate die Erfüllung eines Traumes in Aussicht stellen, erfüllt sich hier Leben, eines von dreien. Denn drei Kandidaten traten an, zur Premiere der Show am Donnerstag im Alten Theater Dessau. \nDie Gründungsväter der "Initiative pro Holzweg", Martin G. Berger und Tim Sandweg, entwickelten die Show und moderieren nun. Man solle sich, so Berger, auf die Stärken des Landes berufen. Grün sei stark, eine Stärke des Landes der Wald. Ergo solle Sachsen-Anhalt entvölkert, renaturiert, bewaldet werden. Mit der restriktiven Kulturpolitik setze die Landesregierung klare Zeichen einer geplanten Entvölkerung, habe aber ein "Outing-Problem". Dafür treten nun die Show-Master performativ offenherzig in den Dienst. Und die Dienstkleidung erinnert an Gottschalks letzte, reich bestickte Rache.\nIn der quirligen Anmoderation klingt auch große Dankbarkeit an, gerichtet auf Dessaus Oberbürgermeister Peter Kuras. "Er ist der Einzige, der verstanden hat, dass wir keine Satire machen", sagt Berger in Bezug auf vorangegangene Facebook-Diskussionen. Enttäuscht zeigte sich Berger hingegen vom Theater, dort werde die Sache diffamiert, als Satire. Und schon wird es ernst. Drei Spiele werden durchlaufen, dabei gilt es, Zeit zu gewinnen, einen Vorsprung für das Endspiel, einen Ausreise-Parcours; und wer zuerst im Auto sitzt, hat gewonnen.Eingespielte Clips berichten von der Arbeit der Initiative, von der Sorge um die künftige Auswilderung der Tiere im Tierpark und einer angestrengten Kandidatensuche. Die Ausschreibung wird auch verlesen: Berger wird neuer Generalintendant, besucht im Film das Theater und sitzt zur Probe auf Bückers Stuhl, der wirklich federt, während Bücker natürliche Sympathie bei allem ernsten Spaß behält. Was ist schon der "Ring"? Berger würde "Licht" geben, Karlheinz Stockhausens Welttheater in sieben Tagen. So könne man untergehen, das Theater stilvoll entvölkern bei international blendender Reputation.\nGespielt wird auch. Hannah Fricke, Schülerin und Gesangstudentin in spe, Tizian Steffen, Abendspielleiter des Theaters und Burghard Duhm, Mitarbeiter am Bauhaus treten an und werden in kurzweiligen Filmchen vorgestellt. Die Kandidaten werfen dann in vager Ahnung und möglichster Annäherung Dartpfeile auf eine Landkarte mit ausradierten Städten, entwickeln eine Werbekampagne zur Initiative und zerlegen brachial ein Möbel in möglichst viele Teile. Im Endspiel heißt es dann: Koffer packen, Reste essen oder, wie symbolträchtig, Pflänzchen pflanzen. Dann sitzt Tizian im Auto. Gewonnen.\nDie Show hat alles, was Spielshows haben, gedimmten Glimmer, in Berger einen wachen, eloquenten Moderator und den Charme des Topfschlagens in der Großfamilie mit Präsenzpflicht des Familienvaters, auch Gesangeinlagen höherer Töchter mit dem Duo "Bitonal". Es gibt pfiffige und längere Momente und dauert ohne Werbung beinah den Abend, was zuweilen spürbar wird. Boris Malré sitzt als Dessauer auf dem Sofa, erzählt von seiner Passion, dem Jagen, und empfiehlt sich so als künftig letzter Mensch am bewaldeten Ort. Der Schlussgesang ist auch nicht schön, wie die ernste Sache selbst. Die Dessauer Spezialitäten aus der Küche liefern zudem weitere Fluchtmotive: Linsen süßsauer, Milchreis mit Wurst.\n"LEAVING DESSAU"\nWohin der Holzweg führt\n"Sachsen-Anhalt ist tot.Nichts wie raus", heißt die Devise der "Initiative Pro Holzweg". Ziel der von Martin G. Berger und Tim Sandweg gegründeten Initiative ist die Entvölkerung und Renaturierung des Landes Sachsen-Anhalt als Konsequenz der Einsparungen in den Bereichen Kultur, Bildung und öffentlichem Leben. Berger und Sandweg haben Green Cards zur Ausreise gedruckt und setzen diese zum Preis der Spielshow "Leaving Dessau" aus. In vier Folgen gibt es Dessauer Spezialitäten, Musik von Dessauer Bands, Gespräche, Filme, Spiele. In der Finalshow am 21. Mai kehren alle Gewinner zum Showdown zurück, mit der Chance das Gesicht der Medienkampagne "Botschafter einer menschlichen Entvölkerung" zu werden...\n"So kann man das Theater stilvoll entvölkern."\n\n

Berliner Zeitung, „Der Letzte macht das Licht aus“, 10.09.2014
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AUSREISE

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Tim Sandweg, der künftige Leiter der Berliner Schaubude, möchte das Bundesland Sachsen-Anhalt von den Menschen befreien und der Natur überlassen. Aber offenbar wollen manche gar nicht weg. Nun soll das Spiel „Leaving Dessau“ zur Ausreise anreizen. Im Interview erklärt er, wie und warum.

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Tim Sandweg ist Puppentheaterdramaturg in Magdeburg und wird ab der nächsten Spielzeit als künstlerischer Leiter die Berliner Schaubude übernehmen. Mit seiner Initiative Pro Holzweg versucht er möglichst viele Einwohner Sachsen-Anhalts dazu zu bewegen, es ihm gleich zu tun und ihrer Heimat den Rücken zu kehren, um das Land der Natur zu überlassen. Wir telefonierten mit Tim Sandweg, um uns von seinem jüngsten Projekt, dem Gewinnspiel „Leaving Dessau“, berichten zu lassen.

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Herr Sandweg, was kann man bei „Leaving Dessau“ gewinnen, und was muss man dafür tun?

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Man kann eine Ausreise gewinnen. Es gibt drei Runden mit jeweils drei Kandidaten aus Bereichen, wo die Politik mit Kürzungen schon viele Anreize zur Ausreise geschaffen hat. Das wären die Kulturschaffenden, dann Studenten und schließlich drei Rentner. Die treten in Spielen an, bei denen sie ihre kognitiven und sportlichen Fähigkeiten beweisen können. In der Finalshow wird dann der Gewinner ermittelt − und der bekommt die Greencard und eine Reise.

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Uns war gar nicht klar, dass man Sachsen-Anhalt nicht einfach so verlassen darf.

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Man darf Sachsen-Anhalt auch einfach so verlassen, das habe ich im Sommer selbst getan. Das Ziel unserer Initiative Pro Holzweg ist es, möglichst alle Menschen aus Sachen-Anhalt herauszubekommen, um hier einen Naturpark einzurichten. Nun ist es aber so, dass mancher Sachsen-Anhalt als seine Heimat empfindet und von unserer Idee irritiert ist. Und da haben wir gedacht, okay, wir müssen Anreize schaffen. Und wie sollte das besser gehen als mit einem Fernsehformat.

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Sie wollen die Menschen also intellektuell bei dem abholen, was sie gewohnt sind, um ihnen den Weg in die Fremde zu zeigen.

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Intellektuell und emotional.

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Was wären denn vonseiten der Politik Maßnahmen, die Sie in Ihren Zielen unterstützen würden?

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Wir sind es, die die Politik unterstützen, indem wir helfen, die Ziele, die sie mit ihren Maßnahmen verfolgt, explizit zu machen. Wir wollten den Politikern die Scheu nehmen, sich zur Vision eines menschenleeren Bundeslandes zu bekennen. Mit den Kürzungen im kulturellen Bereich und in der Bildung betreiben sie ja bereits effektive Renaturierungspolitik.

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Es gibt aber immer noch Leute, die bleiben wollen? Warum?

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Als drei Hauptgründe werden das Eigenheim, soziale Verbundenheit und Heimatgefühle ins Feld geführt. Hier müssen wir angreifen.

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Eine Idee wäre auch, auf die tatkräftige Unterstützung der Neonazi-Szene zurückzugreifen, um das Land noch unattraktiver zu machen.

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Wir arbeiten parteiübergreifend und auf der Basis von Freiwilligkeit. Es geht nicht darum, die Leute gegen ihren Willen rauszuschmeißen, sondern sie zu überzeugen, dass es schöner ist, woanders zu leben. Und deshalb werden wir nicht mit der Neonazi-Szene zusammenarbeiten. Schon weil wir ja wollen, dass die möglichst zuerst wegziehen. Und zwar nicht nur aus Sachsen-Anhalt.

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Wie nimmt man Ihre Initiative auf? Wirft man Ihnen mit Ihrer westdeutschen Herkunft nicht vor, sich über solche Themen wie Republikflucht lustig zu machen?

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Gar nicht. Wir waren eher überrascht über die positiven, ermunternden Reaktionen auch von Leuten, die lieber noch bleiben wollen.

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Das scheint ein humorvollesVolk zu sein, das spricht gegen alle Klischees.

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Solche Klischees abzubauen, gehört ja zu unseren Zielen.

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Sie selbst sind nun auch ausgereist. Werden Sie mit Ihrer Vergraulerei an der Schaubude fortfahren?

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Im Gegenteil, da möchte ich natürlich, dass möglichst viele Leute hinkommen.

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Dann könnten Sie ja das in Sachsen-Anhalt eingesparte Geld in Berlin ausgeben.

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Ich wäre nicht abgeneigt. Ja, warum nicht. Ich würde es nehmen.

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Das Gespräch führte Ulrich Seidler.

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